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  • Sonntags-Matineen 2026/2027 – von und mit Prof. Dr. Jürgen Wertheimer

    Die Fortsetzung einer Erfolgsreihe: Auch in der Spielzeit 2026/2027 laden Prof. Dr. Jürgen Wertheimer und seine Sonntags-Matineen wieder zum intellektuellen Schlagabtausch ein.

    Auftakt: Sonntag, 25. Oktober 2026

    11:00–12:30 Uhr/ Landestheater Tübingen | Werkstatt

    Fifty Shades of Annexionen – und wie man sich befreien kann!

    Fesseln, knebeln, unterwerfen, dominieren. Wer hätte 2011 gedacht, dass die sadomasochistischen Spielereien eines literarischen Mega-Bestsellers nur fünfzehn Jahre später das Drehbuch der Weltpolitik diktieren?
    Willkommen in der Realität: Geopolitik ist zum schmutzigen Hinterzimmer-Date verkommen. Das Völkerrecht liegt gefesselt und betäubt in der Ecke, während die Befriedung von Konflikten längst zur Chefsache der Waffenlobby erklärt wurde. Dazu passend: geschmeidige Polit-Profis, die den Fetischisten der Macht und des Geldes willfährig zu Diensten sind.
    Es ist vorbei mit dem kollektiven Wegschauen. Wir müssen uns dem Ernst der Lage stellen – und endlich Strategien finden, um uns aus dieser toxischen Umklammerung zu befreien. Denn die einzig richtige Antwort auf Annexion heißt: Liberation!

    Die Moderation dieses messerscharfen Vormittags übernimmt Dr. Bernd Villhauer (Weltethos-Institut). Er schlägt im Dialog mit Jürgen Wertheimer die Brücke von den ganz großen philosophischen Grundsatzfragen direkt hinein in den Morast der Realpolitik.

  • Logbuch – Sept 22

    Von Jürgen Wertheimer

    Pristina

    Koordinaten: 42° 40′ N , 21° 10′ O

    Regungslos vernahm der frühere Premier und Präsident Hashim Thaçi den Urteilsspruch des Sondergerichts in Den Haag: 25 Jahre wegen schwerer Kriegsverbrechen an albanischen Kriegsgefangenen. Draußen, vor den Toren des Gerichts warteten gewaltbereite kosovarische Demonstranten, die leidenschaftlich gegen diese, in ihren Augen skandalöse Ungerechtigkeit demonstrierten. Für sie ist und bleibt Thaçi ein Kriegsheld.

    Anfang September wurde der serbische Kriegsverbrecher Mladić in Belgrad pompös mit militärischen Ehren beigesetzt. Tausende nahmen teil, darunter auch serbische Amtsträger. Die EU-Spitze reagierte entsetzt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa haben die Trauerfeier für den verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladić in Serbien scharf kritisiert. Die Bilder der Beerdigung in Belgrad seien „schockierend“, erklärten sie. Besonders die offizielle Unterstützung und die Teilnahme hochrangiger serbischer Amtsträger seien „zutiefst bedauerlich“.

    Nur zwei Beispiele für die enorme Diskrepanz zwischen offizieller EU-Politik und der jeweiligen nationalen Wirklichkeit. Während der serbische Präsident Aleksandar Vucic die rot-blau-weiße Flagge schwingend um Stimmen für die Wiederwahl wirbt, dabei bedingungslos auf die Karte des Nationalismus setzt und Lunte an den im gesamten Balkanraum köchelnden radikalen Patriotismus legt, ergeht man sich in Brüssel in „Beobachtung“ und sanften Ermahnung. 

    Jetzt müsste man geballte politische, diplomatische , ökonomische  Power investieren und  für alle Balkanländer einen Status der Assoziation mit der EU aushandeln. Allein das würde den nationalistischen Kräften Wind aus den Segeln nehmen. 

    PS: Grönland

    Er hat es wieder mal geschafft: einen Deal nach seiner Fasson durchzuziehen. 

    Die taffe Frau Fredriksen lächelt kraftlos.

    Der grönländische Präsident kapituliert.

    Man feiert einen tollen Deal, der 1:0 für die USA besiegelt:  Kein anderer darf von nun an Grönland betreten, militärisch regeln alles die USA, Bodenschätze ohnehin USA, alle wichtigen geopolitischen Fragen, USA. Aber der FC Nuuk darf noch immer für Grönland Fußball spielen.

  • Logbuch – Sept 19

    von Jürgen Wertheimer 

    Grönland 

    59° 46′ und 83° 40′ nördlicher Breite

    11° 39′ und 73° 08′ westlicher Länge

    Zu früh gefreut. Ich sprach vom Einzug eines Neuen Denkens seitens der EU. Kaum 48 Stunden später ist Europa wieder zur vertrauten halbherzigen, kompromisslerischen Weichlichkeit zurückgekehrt: Lächeln, Kuscheln, Einknicken ist die Devise. Trump kann sich beglückwünschen – sein Konzept der Drohung und Erpressung geht voll auf: Wir brauchen Grönland – wir kriegen Grönland, so oder so. 

    Zur Erinnerung: noch im Juli hieß es im Brustton der Überzeugung von dänischer Seite:  „Grönland steht natürlich nicht zu Verkauf.“  Keine zwei Monate später wird die Insel an den aggressivsten, rücksichtslosesten Plünderer verhökert. Er hat von nun an alle Rechte, kann bestimmen, wer Grönland betreten darf, wer nicht. Er verfügt souverän über seine Bodenschätze und ist – auch wenn man das nicht wahrhaben will – der Alleinherrscher.

    Die EU macht gute Miene zum bösen Spiel, steht lächelnd daneben und verkauft den politischen Bankrott auch noch als diplomatischen Erfolg. Statt Trump Grenzen aufzuzeigen, bestätigt man seinen Kurs.  So muss man‘s machen, wird man sich im Weißen Haus denken, sie geben ja doch immer nach!

    Für die einmal mehr übertölpelten Inuit kann die EU ja mal eine Feierstunde machen – Frau von der Leyen wird sicher schöne Worte finden. 

  • Logbuch – Sept 17

    von Jürgen Wertheimer

    EU-Kanada – ein Zukunftsmodell?

    Kanada und die Europäische Union. Bild: © European Union, 2016 – Audiovisual Service, European Commission https://audiovisual.ec.europa.eu/en/media/photo/P-032872?utm_source=chatgpt.com

    Kanada als assoziierter  EU Partner – kein Mitglied aber  eng liiert.  Wer auch immer diese Idee hatte – er oder sie verdient Applaus. Es scheint so, als wäre Europa auf einem guten Weg, sich aus einer gewissen Erstarrung in Bezug auf sein Grenzmanagement zu lösen. 

    Bisher galt immer ein striktes Entweder/Oder.  Oft blockierten jahrelange Erwägungen, ob ein Land  der EU beitreten dürfe oder noch nicht   das politische Handeln

    Ausgerechnet mit dem viele  Flugstunden entfernten Kanada ist man im Begriff, nun neue Wege zu gehen, einen dritten Weg zu erkunden,  jenseits  schematischer  Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit.

    Man nenne es wie man wolle, Assoziationsabkommen oder Freihandelszone – wichtig ist allein, dass sich Grenzen verflüssigen statt  sich immer mehr zu verhärten. 

    Leider ist mir nicht bekannt, dass ähnlich kreative  Wege in Richtung flexibler Grenzkonstrukte für den binneneuropäischen Raum auch nur angedacht würden: z.B für die  seit Jahrzehnten umstrittene Türkei. Ganze Bibliotheken moderner Migrationsliteratur spiegeln  die Folgen kultureller Zerrissenheit und Spaltung, die mit einer flexiblen Lösung à la Kanada  auf einen Schlag aufgelöst würden. 

    Dasselbe gilt für den Balkanraum, der durch ein unsinniges Aufnahmeverfahren – welches Land darf, welches noch nicht – in heillose, blutige Rivalitäten getrieben wird. 

    Für den gesamten Balkanraum, aber auch für die Länder an der Ostflanke, wäre zu überprüfen, was besser, was zukunftsträchtiger ist : die Grenzen zu Russland immer mehr hochzuziehen oder wieder Bewegung ins Spiel zu bringen  – Druck aus dem Kessel der Ideologien  zu nehmen. Ein mit der EU „nur“ assoziiertes Baltikum –wäre das wirklich so undenkbar? Ganz zu schweigen von der  realiter gleichermaßen russisch wie europäisch geprägten  Ukraine. Auch hier ist die Literatur der  verhärtenden Politik  der immer undurchdringlicher werdenden Grenzzäune weit voraus. Ob Andruchowytsch,  Sorokin, Glukhovsky oder Tokarczuk – alle zeichnen das Bild hoffnungslos vermischter, ambivalenter, hybrider Kulturen,  zu denen nichts weniger passt als die Entscheidung für oder gegen EINE einzige Zughörigkeit . 

    Immerhin: die Einfallstore für ein Neues Denken scheinen sich mit dem kanadischen Modell zu öffnen – gehen wir mutig hindurch.

  • Eine Formel für die Bedeutung von Literatur: Jürgen Wertheimers „Die Scharfseherin“

    von Johannes Barthmes

    Foto: Eva Neunhoeffer

    (Eine leicht kürzere Version ist am 20. Juli 2026 im Reutlinger Generalanzeiger erschienen.)

    Jürgen Wertheimer, emeritierter Professor für komparatistische Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen, hat seinen Roman „Die Scharfseherin“ vorgestellt. Seine Nacherzählung von Ilias und Odyssee ist mehr als ein Roman.

    Bei der Veranstaltung im Rittersaal des Tübinger Schlosses, zwischen Nachbildungen antiker Skulpturen, musste nachgestuhlt werden. Der Name Jürgen Wertheimer zieht in Tübingen. Das Publikum wurde nicht enttäuscht. Wertheimer, emeritierter Professor für komparatistische Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen, unterhielt mit einem Ablehnungsschreiben, mit dem ein Verlag sein Manuskript zurückgewiesen hatte, und mit Stichen gegen die Universität.

    Aber schnell war man mitten in einer Literaturvorlesung. Er zitierte Hölderlin: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ – das sei geradezu „eine Formel für die Bedeutung von Literatur“. Auf Troja bezogen ist das sofort plausibel. Ohne Literatur wüssten wir von dieser Stadt an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien, die uns aufgrund der Erzählungen so lebendig scheint, praktisch nichts. „Fantasie ist der Brennstoff, aus dem Wirklichkeit geschmiedet wird. Angewandte Halbwahrheiten ergeben in der Summe verdoppelte Wirklichkeiten“, heißt es im Odyssee-Teil von Jürgen Wertheimers Roman „Die Scharfseherin“. Der erste Teil ist um die Ilias herum gebaut, wobei deren Kern, „der Zorn des Achill“, zur Randnotiz wird, zur dramatisierenden Akzentverschiebung späterer Geschichtsausmalung.

    Vor einer Nachbildung der Laokoongruppe, dem Priester, der zusammen mit seinen Söhnen von den Göttern getötet wurde, um Troja nicht vor dem Unheil bringenden Pferd warnen zu können, deutete Wertheimer dessen Schicksalsgenossin Kassandra, die Hauptfigur in „Die Scharfseherin“. Keine Skulptur gebe es von ihr, sie sei ein „blinder Fleck“. Das hat den nachvollziehbaren Grund, dass sie aufgrund des Fluchs, die Zukunft zwar sehen, aber niemanden davon überzeugen zu können, nicht in wichtiges Geschehen wirksam eingreifen konnte. Tragische Figur, aber eben nicht Heldin. Trotzdem wurden ihr literarische Denkmäler gesetzt, von Aischylos, Schiller, Christa Wolf. Aber der oben verwendete Begriff „Nacherzählung“ greift zu kurz: Wertheimer ist der Erste, der Kassandra zur Akteurin macht. Bereits Wolf hatte ihr Autonomie gegenüber dem göttlichen Fluch zugestanden und sie als aufmerksame, intelligente, kritische Deuterin ihrer Gegenwart gezeichnet. Jürgen Wertheimer geht ein paar Schritte weiter und lässt sie das Schicksal Trojas mitgestalten.

    Beim Zuhören drängte sich eine zweite Frage auf. Die erste, beim Lesen, war, ob „Die Scharfseherin“ als unabhängiger Roman funktioniert oder nur als moderne Ausleuchtung der alten Epen. Die zweite war nun, ob Wertheimer, mehr Wissenschaftler als Schriftsteller, die Figuren von ihrer Deutung her konstruiert oder ihnen wirklich eigene Lebendigkeit zugestanden hatte. Für Ersteres spricht die auffällig einfache Sprache, zu der sich auch der ablehnende Verlag geäußert hatte: „Falls er selbst das Ganze überleben würde, konnte er immer noch rechtzeitig abhauen, dachte Odys“ – so heißt Wertheimers Odysseus. Erst nach und nach kommt man dahinter und glaubt dem Autor schließlich, dass es vielleicht kein notwendiges, aber ein funktionierendes Stilmittel ist, nicht die sagenhaft überhöhten Charaktere im Hymnenton nach-, sondern normale Menschen mit normalen Eigenschaften in Alltagssprache vorzuerzählen und damit das Substrat der späteren Superhelden freizulegen.

    Zum Beispiel wird von Kalchas erzählt, dem Oberpriester, der Agamemnon Wind bescheren soll, um endlich nach Troja lossegeln zu können – eine unmögliche Aufgabe. Er denkt sich einen Trick aus, ein Opfer so groß, dass Agamemnon es nur ablehnen kann und somit selbst schuld sein wird, wenn kein Wind kommt: die Opferung seiner eigenen Tochter Iphigenie. Aber Agamemnon akzeptiert ohne Wimperzucken und bringt Kalchas in schwerste Gewissensnöte. Nicht „wirklich“ im Sinne von „so ist es passiert“, sondern „wirklich“ im Sinne von „das ist die Ebene, auf der es sich abgespielt haben muss“.

    Irgendwer war Vorbild für Achilles und Agamemnon und Kassandra. Irgendwer hat die Odyssee erfunden – denn sie muss schlicht erfunden worden sein. Im Grunde betreibt Wertheimer so etwas wie experimentelle Archäologie. Gegen Schluss wird auch die Sprache literarischer, für diejenigen, die das mögen. Das Ganze ist immer besser fließende Erzählung. Eingebettet in die Frage, wie Literatur funktioniert. Jürgen Wertheimer empfahl den Kauf seiner im Tübinger Konkursbuch Verlag erschienenen Buches als „gute Investition“. Für Wertheimer-Fans, Mythologie-Interessierte, Literatur-Hinterfragende und Sommerlektüre-Suchende ist es das.